Die Chroniken des Leuchtenden Blattes

maypewaldter© 2025

 

Kapitel 1: Thistledown und Elara, die Kartografin

Im Dorf Thistledown, das wie ein verträumtes Gemälde in den Ausläufern der Nebelberge lag, lebte eine Frau namens Elara. Sie war weder jung noch alt – eine Frau in jenem seltsamen Zwischenraum des Lebens, in dem die Jugend gerade erst verblasst und die Weisheit noch nicht vollständig erblüht ist. Ihr Gesicht war von feinen Linien durchzogen, die sich beim Lachen um ihre bernsteinfarbenen Augen fächerten – Augen, die stets den Horizont zu suchen schienen, als erwarteten sie etwas, das noch nicht in Sicht war. Ihr Haar hatte die Farbe von Herbstlaub, durchzogen mit silbernen Fäden, die sie nicht zu verbergen suchte, und fiel meist in einem dicken Zopf ihren Rücken hinab oder war unter einem selbstgewebten Tuch verborgen.

maypewaldter© 2025 Sie trug meist praktische Kleidung: feste Lederstiefel, die unzählige Meilen zurückgelegt hatten, weite Leinenhosen und mehrere Schichten von Hemden und Westen mit zahlreichen Taschen für ihre Werkzeuge – Kompass, Messband, Skizzenbuch und die kleinen Phiolen mit verschiedenfarbigen Tinten.

Was Elara von den anderen Dorfbewohnern unterschied, war nicht nur ihr ungewöhnlicher Beruf als Kartografin, sondern auch ihre Einsamkeit. Nicht die schmerzliche Einsamkeit der Verlassenen, sondern jene ruhige Abgeschiedenheit derer, die in der Natur ihre wahre Gesellschaft finden. Sie sprach wenig, beobachtete viel und lächelte oft – ein nachdenkliches Lächeln, das selten ihre Augen erreichte. Die Kinder des Dorfes liebten sie, denn sie schenkte ihnen kleine Karten mit Hinweisen zu verborgenen Schätzen im Wald, und die Älteren respektierten ihr Wissen, auch wenn sie ihr Bedürfnis, stets unterwegs zu sein, nie ganz verstanden.


Kapitel 2: Jahreszeiten des Wandelsmaypewaldter© 2025

Das Dorf veränderte sein Gesicht mit jeder Jahreszeit auf eine Weise, die den Bewohnern wie ein ewiger Zauber erschien.

Im Frühling erwachte Thistledown in einem Meer aus Pastellfarben. Weiße Kirschblüten regneten sanft auf die mit Kopfstein gepflasterten Wege, während die Dächer der Fachwerkhäuser sich mit wildem Efeu und kletterbereiten Glyzinien schmückten. Die Dorfbewohner stellten ihre handbemalten Töpfe mit frischen Kräutern vor die Türen, und der Marktplatz füllte sich mit dem Duft von frischem Brot und den ersten zarten Gemüsesorten. In dieser Zeit war Elara am seltensten anzutreffen. Sie durchwanderte die erwachenden Wälder, dokumentierte die neuen Quellen, die durch die Schneeschmelze entstanden, und beobachtete, wie die Tiere aus ihrem Winterschlaf erwachten. Das Frühlingsaquarell ihrer Karten war stets das Lebendigste.

Der Sommer brachte eine üppige Fülle nach Thistledown. Die umliegenden Felder verwandelten sich in ein goldenes Meer aus Getreide, durchzogen von blutroten Mohnblumen. Die alten Eichen, die das Dorf seit Generationen beschützten, boten Schatten für die Nachmittagsversammlungen, bei denen die Ältesten Geschichten erzählten und junge Paare sich schüchtern Blicke zuwarfen. Elara nutzte die langen Tage für ausgedehnte Expeditionen zu den entferntesten Winkeln ihres Kartierungsgebiets. Manchmal blieb sie tagelang fort, kehrte mit Sonnenbrand auf den Wangen und neuen Notizen zurück. Zu den Sommerfesten erschien sie stets, setzte sich jedoch oft an den Rand der Festtafel und beobachtete das fröhliche Treiben mit einem Blick, der sowohl dazugehören als auch fortgehen wollte.

Im Herbst hüllte sich Thistledown in ein Gewand aus Bronze und Kupfer. Nebelschwaden krochen morgens zwischen den Häusern hindurch und verliehen dem Dorf eine geheimnisvolle Aura. Für Elara war dies die Zeit der Revision – sie verglich ihre gesammelten Notizen mit den bestehenden Karten, aktualisierte Wege, die sich verändert hatten, und trug die neu entdeckten Orte ein. Ihre Lampe brannte oft bis spät in die Nacht, während der Wind an ihren Fensterläden rüttelte und die gefallenen Blätter gegen ihr Haus wehte.

Der Winter verwandelte Thistledown in eine verzauberte Welt aus Stille und glitzerndem Weiß. Schnee bedeckte die spitzen Giebeldächer und blieb auf den verschnörkelten Fensterbänken liegen wie sorgfältig drapierte Spitze. In dieser Jahreszeit verwandelte sich Elara von der einsamen Wanderin zur gesuchten Geschichtenerzählerin. An den langen Abenden in der großen Halle berichtete sie von ihren Entdeckungen, beschrieb mit lebhaften Worten die versteckten Täler und geheimnisvollen Höhlen, die sie gefunden hatte. Ihre sonst so ruhigen Hände gestikulierten dann aufgeregt, und ihre bernsteinfarbenen Augen glänzten im Schein des Feuers. Die Kinder drängten sich um sie und träumten davon, eines Tages selbst solche Abenteuer zu erleben.


Kapitel 3: Das Volk von Thistledownmaypewaldter© 2025

Thistledown war mehr als nur eine Ansammlung von Häusern; es war eine Gemeinschaft, ein Geflecht aus Leben, das durch gemeinsame Geschichte, Traditionen und die Notwendigkeit, in einer rauen und unversöhnlichen Welt zu überleben, miteinander verwoben war. Jeder Bewohner trug auf seine Weise zum Wohlergehen des Dorfes bei, und jeder hatte seine Eigenheiten und Geschichten, die Thistledown zu dem machten, was es war.

Der Bürgermeister und seine Familie

An der Spitze der Dorfgemeinschaft stand Bürgermeister Eamon O’Malley, ein Mann von ruhiger Würde und unerschütterlicher Geduld. Eamon stammte aus einer langen Linie von Bürgermeistern, und er betrachtete seine Pflicht als eine heilige Berufung. Er war ein Mann mittleren Alters mit einem runden Gesicht, einem gepflegten Schnurrbart und einer beruhigenden Stimme. Er trug immer gut sitzende Tweedanzüge und hatte die Angewohnheit, nachdenklich an seinem Kinn zu reiben, wenn er vor einer schwierigen Entscheidung stand.

Eamons Frau, Maire O’Malley, war das Herz des Dorfes. Sie war bekannt für ihre Freundlichkeit, ihren warmen Humor und ihr unendliches Angebot an hausgemachten Kuchen. Maire war eine Frau mit sanften Kurven, roten Wangen und einem strahlenden Lächeln. Sie leitete den Gasthof „Zum Goldenen Eber“ des Dorfes und sorgte dafür, dass sich jeder Reisende wie zu Hause fühlte.

Eamon und Maire hatten drei Kinder: den ältesten Sohn, Ronan O’Malley, einen kräftigen und fleißigen jungen Mann, der darauf wartete, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten; ihre Tochter Saoirse O’Malley, die über den Wunsch nachdachte, Kräuterheilerin zu werden, obwohl ihre Eltern sich für sie eine Ehe mit einem angesehenen Händler wünschten; und den Jüngsten, Liam O’Malley, einen ungestümen Lausbub, der immer für einen Streich zu haben war und dessen Unfug oft Maire’s Geduld auf die Probe stellte.

Die Handwerker und Händler

Thistledown rühmte sich einer Vielzahl von geschickten Handwerkern und Händlern, die die Lebensader des Dorfes bildeten. Da war zum Beispiel der Schmied, Gareth Dunne, ein Mann von immenser Stärke und Geschicklichkeit, der das Eisen mit einem donnernden Knall bearbeitete und das Dorf mit Werkzeugen und Waffen versorgte. Seine Hände waren schwielig und vernarbt, aber er behandelte das Metall mit der Zartheit eines Künstlers.

Die Weberin Bronwyn Davies war eine Frau von ruhiger Eleganz, deren Finger über das Webblatt tanzten und komplizierte Stoffe webten, die in der ganzen Region begehrt waren. Sie war bekannt für ihre Geduld und ihre Fähigkeit, Schönheit in ihren Kreationen zu finden, und ihre Wandteppiche zierten die Wände vieler Häuser im Dorf und darüber hinaus.

Der Tischler Cian Murphy war ein Mann von akribischer Präzision, der aus dem Holz wunderschöne Möbel und kunstvolle Schnitzereien herstellte. Er war ein Perfektionist, der stundenlang an einem einzigen Stück arbeiten konnte, bis es seinen hohen Ansprüchen entsprach, und seine Stühle waren so bequem wie robust.

Und natürlich gab es noch Aine Byrne, die Kräuterheilerin, eine weise und gutherzige Frau, die sich mit den heilenden Eigenschaften der Pflanzen und Kräuter auskannte. Sie versorgte die Dorfbewohner mit ihren natürlichen Heilmitteln und war immer da, um ein offenes Ohr und ein tröstendes Wort zu bieten. Aine lebte am Rande des Waldes in einem kleinen Cottage, das von einem üppigen Kräutergarten umgeben war.

Die Bauern und Hirten

Das Rückgrat von Thistledown waren die Bauern und Hirten, die das Land bestellten und sich um die Tiere kümmerten, die das Dorf ernährten. Die Familie Gallagher bewirtschaftete seit Generationen die größten Getreidefelder und sorgte dafür, dass die Scheunen des Dorfes immer voll waren. Der Familienvater, Padraig Gallagher, war ein stoischer und fleißiger Mann, dessen Gesicht vom Wind und der Sonne gegerbt war. Seine Frau, Siobhan Gallagher, war ebenso tüchtig und kümmerte sich um den Haushalt und half bei der Ernte.

Die Familie Dunne hütete die Schafherden auf den Hügeln und lieferte Wolle und Fleisch für das Dorf. Die Matriarchin, Maeve Dunne, war eine Frau von unbeugsamer Stärke und Weisheit, die eine tiefe Verbindung zum Land und seinen Geschöpfen hatte. Ihr Sohn, Eoin Dunne, sollte eines Tages die Herde übernehmen.

Die Kinder von Thistledown

Und dann waren da noch die Kinder, die die Zukunft von Thistledown verkörperten. Sie spielten in den Straßen, jagten Schmetterlinge in den Feldern und lauschten den Geschichten der Ältesten. Sie waren eine bunte Mischung aus Persönlichkeiten: Einige waren schüchtern und zurückhaltend, andere mutig und abenteuerlustig, aber alle teilten sie eine Liebe zu ihrem Dorf und ein tiefes Gefühl der Gemeinschaft.

Da waren die Zwillinge Niamh und Eamon Byrne, Aines Enkelkinder, die immer für einen Unfug zu haben waren. Sie waren bekannt für ihren schelmischen Humor und ihre Fähigkeit, sich in Schwierigkeiten zu bringen, obwohl ihre Großmutter sie immer wieder zur Ordnung rief.

Es gab auch junge Ciara Murphy, Cians Tochter, ein stilles und nachdenkliches Mädchen mit einer blühenden Fantasie. Sie verbrachte oft Stunden damit, in ihrem Skizzenbuch zu zeichnen und Geschichten über das Land zu erfinden.

Und natürlich war da noch der kleine Finn Gallagher, Padraigs Sohn, ein abenteuerlustiger Junge mit einem unstillbaren Wissensdurst. Er bewunderte Elara und träumte davon, eines Tages in ihre Fußstapfen zu treten und die Welt zu erkunden.


Kapitel 4: Das Leben in Thistledownmaypewaldter© 2025

Das Leben in Thistledown war einfach, aber erfüllend. Die Dorfbewohner arbeiteten hart, lachten oft und halfen sich gegenseitig in Notzeiten. Sie waren stolz auf ihr Erbe und ihre Traditionen, und sie hielten an ihren Werten von Gemeinschaft, Familie und Respekt vor der Natur fest.

Jeder Tag begann mit dem Läuten der Glocke der Dorfkirche, die die Bewohner zu Arbeit und Gebet rief. Pater Seamus leitete die täglichen Messen und war ein wichtiger spiritueller Führer für die Dorfbewohner. Die Bauern bestellten ihre Felder, die Handwerker übten ihr Handwerk, und die Händler handelten auf dem Marktplatz. Am Abend versammelten sich die Dorfbewohner in Maire O’Malleys Gasthof „Zum Goldenen Eber“, um Geschichten auszutauschen, der Musik von Bard Brennan zu lauschen und das Gemeinschaftsgefühl zu genießen.

Die Jahreszeiten diktierten den Rhythmus des Lebens in Thistledown. Der Frühling war eine Zeit der Erneuerung und des Neubeginns, der Sommer eine Zeit der Fülle und des Feierns, der Herbst eine Zeit der Ernte und der Vorbereitung, und der Winter eine Zeit der Besinnung und des Geschichtenerzählens.

Elara passte nicht so recht in dieses idyllische Bild. Obwohl sie respektiert und sogar gemocht wurde, blieb sie eine Außenseiterin. Bürgermeister Eamon O’Malley konsultierte sie oft wegen ihrer Kenntnisse über die Landschaft, aber er verstand nie ganz ihren Drang, die ungezähmte Wildnis zu erkunden. Maire O’Malley versuchte, sie mit selbstgebackenen Kuchen und freundlichen Worten in die Dorfgemeinschaft einzubinden, aber Elara zog es vor, die Gesellschaft der Bäume und der Vögel.

Gareth Dunne, der Schmied, bewunderte ihre Unabhängigkeit und ihren Mut, aber er hatte Mühe, ihre rätselhaften Antworten und ihren abwesenden Blick zu verstehen. Bronwyn Davies, die Weberin, versuchte, sie mit ihrem Garn und ihren Spinnereien anzulocken, in der Hoffnung, Elara würde ihre Liebe zu Schönheit und Kunst teilen, aber Elara’s Interesse lag mehr darin, die natürliche Welt als die von Menschenhand geschaffenen Dinge zu erfassen.

Aine Byrne, die weise Kräuterfrau, war vielleicht die Einzige, die Elara wirklich verstand. Sie erkannte, dass Elaras Einsamkeit nicht aus Mangel an Liebe oder Freundschaft resultierte, sondern aus einem tiefen Gefühl der Sehnsucht nach etwas, das sie nicht benennen konnte. Aine hatte Elara einst gesagt: „Du bist wie eine Pflanze, die an einen Ort verpflanzt wurde, der nicht ganz ihr Zuhause ist. Deine Wurzeln reichen nach etwas anderem, etwas, das in der Erde unter uns liegt.“

Und so lebte Elara in Thistledown, aber nicht wirklich von Thistledown. Sie war eine Kartografin des Landes und des Herzens, aber sie suchte immer noch ihre eigene Stelle auf der Karte.


Kapitel 5: Die Nacht der Wintersonnenwende

Es war in diesem Dorf, wo Elara Jahre damit verbracht hatte, die Wälder und Täler rund um ihre Heimat zu kartieren, und dennoch fühlte sie sich ihnen stets fremd. Eine Sehnsucht, die sie nicht benennen konnte, trieb sie immer wieder hinaus, als suchte sie nicht nur unentdeckte Orte auf ihren Karten, sondern auch einen unmarkierten Platz in ihrem eigenen Herzen.

In der Nacht der Wintersonnenwende, als die Dunkelheit den größten Teil des Tages für sich beanspruchte und Thistledown unter einer dicken Schneedecke schlummerte, verirrte sich Elara in den Wäldern, die sie zu kennen glaubte. Die vertrauten Wege waren unter frischem Schnee verschwunden, und ihre Orientierung versagte ihr, als hätte die Erde unter ihren Füßen ihre Gesetze vergessen. Zum ersten Mal in all den Jahren empfand sie Furcht vor der Wildnis, die sie so oft umarmt hatte.

Liam O’Malley, der ungestüme Sohn des Bürgermeisters, hatte sie gewarnt, nicht in den Wald zu gehen. Er hatte gehört, wie die Ältesten sich über Geschichten über Geister und Waldwesen unterhielten, die in der längsten Nacht nach draußen kamen, um die Wanderer in die Irre zu führen. Doch Elara hatte seine Warnungen abgetan, da sie fest davon überzeugt war, dass ihr Wissen über den Wald sie beschützen würde. Wie sehr sie sich doch irrte.


Kapitel 6: Begegnung mit dem Seelenbaummaypewaldter© 2025

Als die Panik sie zu überwältigen drohte, stieß sie auf einen gewaltigen Baum, der sich von allen anderen Bäumen des Waldes unterschied. Der Seelenbaum erhob sich vor ihr wie ein uralter Wächter, majestätisch und unbeweglich in der winterlichen Stille. Anders als die schlanken Birken und geraden Tannen des Waldes wuchs dieser Baum nicht nach oben, sondern in alle Richtungen zugleich, als wolle er den gesamten Himmel umarmen. Sein massiver Stamm maß leicht drei Mannslängen im Umfang und teilte sich etwa in Mannshöhe in sieben mächtige Hauptäste, die sich wie Arme eines Riesen ausstreckten, sich verdrehten und wieder vereinten, um erneut auseinanderzustreben.

Die Rinde des Seelenbaums war nicht wie die gewöhnliche graue oder braune Borke der Waldbäume. Sie schimmerte in einem tiefen, warmen Rot, als pulsiere Leben direkt unter ihrer Oberfläche. Bei näherem Hinsehen erkannte Elara, dass die gesamte Rinde mit feinen Linien überzogen war, die an Schriftzeichen erinnerten – nicht eingeritzt oder eingeschnitten, sondern als natürliches Muster gewachsen. Manche dieser Linien bildeten Spiralen, andere formten konzentrische Kreise oder verzweigten sich wie Flusssysteme. An manchen Stellen verdichteten sich die Muster zu Bildern – hier ein Vogel im Flug, dort ein menschliches Gesicht, an anderer Stelle ein Stern oder eine Blume.

In das Zentrum des Stammes war eine natürliche Höhlung eingelassen, gerade groß genug, dass ein Mensch hineinschlüpfen könnte. Diese Öffnung erinnerte an einen Eingang, einen Durchgang zu einer anderen Welt. Anders als bei kranken oder alternden Bäumen wirkte diese Höhlung nicht wie eine Wunde, sondern wie ein absichtlich geschaffener Raum, umrahmt von besonders kunstvollen Mustern, die sich um die Öffnung wanden wie ein Türrahmen. Aus dieser Höhlung drang ein goldenes Licht, das nicht flackerte wie Feuer, sondern stetig pulsierte wie ein schlagendes Herz, rhythmisch und ruhig, trotz der stürmischen Winternacht.

Die Zweige des Baumes, die sich bis hoch in den Nachthimmel streckten, trugen keine Blätter, wie es im Winter zu erwarten war, sondern waren mit unzähligen kleinen Lichtern besetzt, die wie gefangene Sterne oder glühende Früchte wirkten. Diese Lichter reflektierten den Schnee ringsum und tauchten die Lichtung in einen überirdischen Schein, der die Dunkelheit nicht vertrieb, sondern in eine samtige, sternenerfüllte Nacht verwandelte. Am erstaunlichsten war jedoch die Wirkung, die der Baum auf seine Umgebung hatte. Der Schnee schmolz in einem perfekten Kreis um seinen Stamm, sodass ein Ring aus dunklem, fruchtbarem Boden freilag, in dem – unmöglich für diese Jahreszeit – kleine grüne Triebe sprossen. Die Luft in der Nähe des Baumes war nicht kalt und schneidend wie im Rest des Winterwaldes, sondern warm und erfüllt vom Duft blühender Blumen und reifer Früchte. Es war, als existierten alle Jahreszeiten gleichzeitig um den Seelenbaum herum, als sei er ein Anker, der nicht nur im Boden, sondern auch in der Zeit selbst verwurzelt war.


Kapitel 7: Der Älteste und die Karten der Seelen

„Man nennt ihn den Seelenbaum“, erklang eine Stimme. Ein Ältester stand in der Nähe und erschien so plötzlich, dass Elara sich fragte, ob er aus den Wurzeln selbst gewachsen war. „Er zeigt sich nur jenen, die ihren inneren Weg in mehr als einer Hinsicht verloren haben.“

Der alte Mann deutete auf das goldene Licht. „Jedes Muster auf seiner Rinde erzählt die Geschichte von jemandem, der seinen wahren Weg fand, als ihm nichts mehr blieb als der Glaube an etwas Größeres als sich selbst. Diese Zeichen sind die Karten der Seelen, die vor dir kamen – nicht Karten von Orten, sondern von Reisen des Herzens.“

Elara bemerkte nun, dass die Wurzeln des Baumes weit über den geschmolzenen Kreis hinausreichten. Sie schlängelten sich über den Waldboden wie suchende Finger, verschwanden im Schnee und tauchten wieder auf, bildeten Netze und Muster. Einige schienen direkt in Felsen hineinzuwachsen, andere verschwanden im gefrorenen Bach, als verbänden sie den Baum mit allen Elementen der Erde.

„Der Baum ist älter als unser Dorf, älter als alle Dörfer“, fuhr der Älteste fort. „Manche sagen, er sei der erste Baum gewesen, der im Urwald wuchs, lange bevor Menschen diese Täler besiedelten. Andere glauben, er sei nicht gewachsen, sondern gewandert – ein Wesen, das beschloss, hier zu bleiben und Wurzeln zu schlagen, um denen zu helfen, die sich verirren. Die Wahrheit ist, dass er beides ist – fest verwurzelt und doch frei, zeitlos und doch gegenwärtig. Ein Baum, der nicht nur Holz und Blätter ist, sondern lebendige Erinnerung.“

Elara näherte sich der Höhlung und blickte hinein. Das Licht formte sich zu unzähligen winzigen Sternen, die in der Dunkelheit schwebten – ein perfektes Abbild des verborgenen Nachthimmels über ihnen. Doch zwischen den Sternen sah sie Szenen wie lebende Bilder – Menschen, die lachten und weinten, Kinder, die spielten, alte Hände, die Samen in die Erde legten, junge Liebende, die sich umarmten, und einsame Wanderer, die durch unbekannte Landschaften zogen.

„Nimm, was du brauchst“, sagte der Älteste. „Aber denk daran, dass den Weg zu finden nicht immer bedeutet, dorthin zurückzukehren, wo du warst.“


Kapitel 8: Das goldene Blattmaypewaldter© 2025

Zögernd streckte Elara ihre Hand in das Licht. Statt Wärme spürte sie Erinnerungen – die Hände ihrer Mutter, die ihre eigenen führten, während sie Frühlingssämlinge pflanzten; die Stimme ihres Vaters, der Geschichten im Schein des Feuers erzählte; ihre eigenen Tränen, die auf unfruchtbaren Boden fielen nach der großen Dürre. Jede Erinnerung leuchtete heller als die vorherige und bildete ein Muster aus Momenten, die sie geprägt hatten.

Als sie ihre Hand zurückzog, ruhte ein einziges goldenes Blatt auf ihrer Handfläche, dessen Adern wie lebendige Flüsse pulsierten. Es war kein gewöhnliches Blatt – seine Form erinnerte an keinen bekannten Baum, es war zugleich zart und unzerstörbar, durchscheinend und doch solide.

„Das Blatt wird dir nicht den Weg zeigen“, sagte der Älteste, der nun weniger greifbar wirkte, als würde er sich in der anbrechenden Dämmerung auflösen. „Es wird dich daran erinnern, dass du ihn bereits in dir trägst.“


Kapitel 9: Die Rückkehr nach Thistledown

Als die ersten Sonnenstrahlen das Blätterdach durchbrachen, bemerkte Elara, dass der Älteste verschwunden war. Der mächtige Baum blieb zurück, erschien aber nun gewöhnlich – uralt und wunderschön, doch nicht mehr mystisch. Die Muster auf seiner Rinde waren verblasst zu natürlichen Furchen, die Höhlung wirkte nun wie eine gewöhnliche Wunde im Holz, und die leuchtenden Punkte in seinen Zweigen hatten sich in Eiszapfen verwandelt, die im Morgenlicht glitzerten. Nur das Blatt in ihrer Hand leuchtete weiterhin mit innerem Licht, ein Beweis dafür, dass das Erlebte keine Täuschung gewesen war.

Elara fand ihren Weg zurück nach Thistledown, gerade als sich der Morgennebel lichtete. Maire O’Malley sah sie hereinspazieren und rannte ihr entgegen, umarmte sie und schimpfte sie gleichzeitig, weil sie sie so beunruhigt hatte. Elara lächelte nur und sagte: „Ich habe mich nur ein wenig verirrt, Maire. Aber ich bin wieder zu Hause.“


Kapitel 10: Der Wintersturm

In diesem Winter wurde Elaras Dorf von beispiellosen Stürmen heimgesucht. Die Vorräte schwanden, und Verzweiflung machte sich in vielen Herzen breit. Bürgermeister Eamon O’Malley tat, was er konnte, um die Dorfbewohner zu beruhigen, aber selbst er begann, die Hoffnung zu verlieren. Es war Aine Byrne, die weise Kräuterfrau, die Elara vorschlug, die Wälder zu erkunden. „Vielleicht kann dir das goldene Blatt den Weg zu Hilfe weisen“, sagte Aine.

Und so machte sich Elara trotz des tobenden Sturms mit dem goldenen Blatt in der Hand wieder auf den Weg in den Wald. Die Dorfbewohner sahen zu, wie sie im Schnee verschwand, einige murmelten Gebete, andere schüttelten einfach den Kopf. Nur Finn Gallagher hatte Vertrauen. Er wusste, dass Elara etwas Besonderes war, und er wusste, dass sie einen Weg finden würde, sie alle zu retten.

Elara, geleitet von etwas, das sie nicht erklären konnte, führte ihre Nachbarn zu verborgenen Quellen, die unter dem Eis nicht gefroren waren, zu Höhlen, in denen der Überfluss des Sommers von nun hibernierenden Tieren gelagert worden war. Sie fand sogar einen vergessenen Weg, der zu einem verlassenen Vorratslager führte, das mit Lebensmitteln und Brennholz gefüllt war.


Kapitel 11: Legenden und Erinnerungenmaypewaldter© 2025

Das goldene Blatt verblasste nie, und Elara versuchte nie, seinen Ursprung zu erklären. Einige sagten, sie sei von Waldgeistern berührt worden; andere behaupteten, sie sei einfach mit Alter und Mühsal weiser geworden. Die Zwillinge Niamh und Eamon Byrne schworen, dass sie an bestimmten Nächten schwaches goldenes Licht aus ihrem Cottage-Fenster strömen sehen konnten, das Sternbilder in den Schnee draußen zeichnete.

Als der Frühling endlich kam und das Dorf seine Errettung feierte, versammelten sich die Dorfbewohner um ein großes Lagerfeuer in der Mitte des Platzes. Die Flammen loderten hoch in den Nachthimmel, und die Gesichter der Menschen leuchteten im warmen Schein. Es war eine Nacht der Dankbarkeit und des Zusammenhalts, und die Stimmung war feierlich, aber auch nachdenklich.

Plötzlich erklang eine sanfte Melodie, die sich wie ein Flüstern über das Dorf legte. Ein junger Mann, den niemand kannte, trat mit einer Gitarre in der Hand aus den Schatten. Seine Stimme war tief und voller Sehnsucht, als er zu singen begann:

(Verse 1) Unter den Bergen fließen die Flüsse, Tanzen die Flüsterstimmen, wo die wilden Winde wehen. In jedem Schatten bin ich nicht allein— Sonnenlicht heilt, was die Dunkelheit kennt.

Die Dorfbewohner lauschten gebannt, während die Musik sie in ihren Bann zog. Die Melodie war zugleich tröstlich und kraftvoll, und die Worte schienen direkt aus ihren Herzen zu sprechen. Elara, die am Rande des Feuers stand, schloss die Augen und ließ die Musik durch sich hindurchfließen. Sie fühlte sich, als würde das Lied ihre eigene Geschichte erzählen – die Geschichte eines Menschen, der sich verirrt hatte und schließlich den Weg nach Hause fand.

(Pre-Chorus) Oh, die Welt mag beben, die Stürme mögen toben, Doch Wurzeln reichen tief unter den Himmel.

Der Refrain setzte ein, und die Stimmen der Dorfbewohner erhoben sich, um den Sänger zu begleiten. Es war, als ob das Lied sie alle miteinander verband, ihre Stimmen zu einem einzigen, harmonischen Klang verschmolzen:

(Chorus) Sterne führen uns heute Nacht nach Hause, Durch die Dunkelheit finden wir das Licht. Jede Narbe, jeder Fall, Die Erde atmet durch uns alle.

Die Musik wurde intensiver, während die zweite Strophe begann:

(Verse 2) Wo Regen Hoffnung auf gebrochenen Boden schreibt, Glühen Glutnester, wo Liebe gefunden wird. Dornen mögen schneiden, doch Mondlicht bleibt— Der Frühling wird durch den Winternebel singen.

Elara öffnete die Augen und blickte in die Gesichter der Menschen um sie herum. Sie sah Tränen in den Augen einiger, aber auch ein Leuchten, das von Hoffnung und Dankbarkeit sprach. Die Musik schien die Luft selbst zu erfüllen, und für einen Moment fühlte es sich an, als ob die Grenzen zwischen den Menschen und der Natur verschwanden.

(Pre-Chorus) Oh, die Wölfe mögen heulen, die Nacht möge schreien, Doch die Dämmerung vertreibt den kältesten Traum.

Der Refrain kehrte zurück, diesmal noch kraftvoller, während die Dorfbewohner gemeinsam sangen:

(Chorus) Sterne führen uns heute Nacht nach Hause, Durch die Dunkelheit finden wir das Licht. Jede Narbe, jeder Fall, Die Erde atmet durch uns alle.

Die Bridge des Liedes begann, und die Stimmen der Menschen wurden zu einem einzigen, mächtigen Chor:

(Bridge) Wir sind das Feuer, wir sind der Sturm, Herzen, die schlagen, wo sie nicht hingehören.

Elara fühlte, wie sich eine tiefe Ruhe in ihr ausbreitete. Sie wusste, dass sie endlich angekommen war – nicht nur in Thistledown, sondern auch bei sich selbst. Die Musik verklang langsam, und die Dorfbewohner standen schweigend da, während die letzten Töne in der Nachtluft verhallten.

(Outro) Die Erde atmet durch uns alle… In mir und dir.

 

 

 


Kapitel 12: Der Weg nach Hause

Jahre später, als man sie fragte, wie sie das Dorf gerettet hatte, lächelte Elara nur und sagte: „Wir alle verlieren manchmal unseren Weg. Aber die Sterne bleiben beständig, und die Erde atmet durch uns alle. Selbst in der dunkelsten Nacht erinnert sich etwas an den Weg nach Hause.“

Elara setzte ihr Leben als Kartografin fort, erkundete die Wälder und trug die Geheimnisse des Landes auf ihren Karten ein. Sie wurde nie ganz ein Teil von Thistledown, aber sie war auch nie ganz davon getrennt. Sie war eine Brücke zwischen der menschlichen Welt und der natürlichen Welt, eine Hüterin des Wissens und eine Führerin für jene, die sich verirrt hatten.

Und so wurde die Geschichte von Elara und dem Seelenbaum zu einer Legende, die von Generation zu Generation in Thistledown weitergegeben wurde. Und jedes Mal, wenn ein Dorfbewohner sich verirrt, ob im Wald oder im Leben, erinnern sie sich an die Geschichte des goldenen Blattes und daran, dass der Weg nach Hause immer in ihnen liegt. Und Finn Gallagher, der kleine Junge, der einst von Elara inspiriert worden war, wurde selbst ein großer Entdecker und kartografierte neue Länder jenseits der Nebelberge, immer mit einem goldenen Blatt, das ihm an seinem Kompass befestigt war, als Erinnerung daran, dass selbst die entlegensten Orte einen Weg zurück nach Hause haben. Und Saoirse O’Malley, die eigentlich nie heiraten wollte, sondern ihre Leidenschaft als Kräuterheilerin weiter verfolgte, fand in Elara eine Freundin und Mentorin. Sie lernte von Elara, die versteckten Kräfte der Natur zu sehen und zu verstehen, dass wahre Stärke darin liegt, seinem eigenen Weg zu folgen, egal wie ungewöhnlich er auch erscheinen mag. Die Legende von Elara und dem Seelenbaum lebte weiter und erinnerte die Menschen von Thistledown daran, dass selbst in der dunkelsten Nacht immer ein Licht der Hoffnung vorhanden ist, dass sie nach Hause führen kann

 

Ich wünsch Euch eine schöne Zeit [🌴….🏃]


Entdecke mehr von PlatonischerRebell

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.