Die digitale Bühne entschlüsselt
Twitch-Erfahrungen
Twitch hat sich zu einer dominierenden Kraft in der Online-Unterhaltung entwickelt, primär bekannt als Live-Streaming-Plattform für Videospiele, aber zunehmend auch für diverse andere Inhalte. Um die Feinheiten dieser digitalen Umgebung zu verstehen, wurde ein umfangreiches dreijähriges Experiment durchgeführt, das das Nutzerverhalten akribisch beobachtete. Diese Untersuchung umfasste auf einzigartige Weise die Erstellung und Beobachtung von sechs verschiedenen Nutzerkonten, gleichmäßig aufgeteilt nach wahrgenommener männlicher und weiblicher Identität. Die beträchtliche Zeit, die diesem Vorhaben gewidmet wurde und sich auf insgesamt 15411 Stunden und 42 Minuten belief, unterstreicht das Engagement, ein tiefes Verständnis für die Dynamik der Plattform zu gewinnen. Dieser Bericht zielt darauf ab, die Ergebnisse dieses Experiments durch die Linse etablierter soziologischer und psychologischer Theorien zu analysieren, um die zugrunde liegenden Mechanismen zu beleuchten, die die beobachteten Verhaltensweisen und Interaktionen auf Twitch antreiben. Der analytische Rahmen für diese Untersuchung wird durch vier zentrale theoretische Perspektiven gebildet: Erving Goffmans dramaturgische Theorie, Leon Festingers Theorie des sozialen Vergleichs, Henri Tajfels soziale Identitätstheorie und Stanley Milgrams Gehorsamsexperiment.
Kapitel 1: Einführung – Drei Jahre im digitalen Rampenlicht
Twitch, als eine der führenden Plattformen für Live-Video-Streaming, bietet ein reichhaltiges Umfeld für die Untersuchung sozialer Dynamiken, Selbstpräsentation und psychologischer Prozesse im digitalen Zeitalter. Die Anlage von sowohl männlichen als auch weiblichen Accounts eröffnete die Möglichkeit, geschlechtsspezifische Erfahrungen auf der Plattform vergleichend zu analysieren. Die immense Gesamtspielzeit lieferte einen umfangreichen Datensatz für die Analyse und erhöhte die Aussagekraft der Ergebnisse.

Kapitel 2: Das soziologische Gerüst: Goffman, Festinger, Tajfel und Milgram im digitalen Raum
Um die komplexen Online-Verhaltensweisen auf Plattformen wie Twitch effektiv zu interpretieren, ist es unerlässlich, ein grundlegendes Verständnis der soziologischen und psychologischen Theorien zu schaffen, die wertvolle analytische Werkzeuge bieten.
Erving Goffmans dramaturgische Theorie bietet einen Rahmen, um soziale Interaktionen als theaterähnliche Aufführungen zu verstehen.1 Im Kern stehen die Konzepte der Vorderbühne, wo Individuen eine kuratierte Version von sich selbst einem Publikum präsentieren, und der Hinterbühne, einem privateren Bereich, wo die Vorstellung entspannter ist.3 Diese Theorie betont auch die Bedeutung von Setting, Erscheinung und Manier bei der Gestaltung der Eindrücke, die Individuen vermitteln.5 Goffman postuliert, dass Individuen sich im Eindrucksmanagement engagieren und bewusst und unbewusst danach streben, anderen in sozialen Situationen ein gewünschtes Selbst zu präsentieren.7 Diese Perspektive bietet eine aussagekräftige Linse, durch die untersucht werden kann, wie Individuen ihre Online-Personas auf Twitch konstruieren und aufrechterhalten, wo jede Übertragung als eine Vorstellung für ein Publikum angesehen werden kann.8
Leon Festingers Theorie des sozialen Vergleichs konzentriert sich auf die grundlegende Vorstellung, dass Individuen einen angeborenen Drang besitzen, ihre eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu bewerten, insbesondere in Situationen, in denen objektive Maßstäbe fehlen.10 Diese Bewertung erfolgt oft durch einen Prozess des Vergleichs mit anderen.12 Diese Vergleiche können nach oben gerichtet sein, zu Individuen, die in irgendeiner Hinsicht als überlegen wahrgenommen werden, oder nach unten, zu denen, die als weniger fähig oder glücklich angesehen werden.14 Die metrikgesteuerte Umgebung von Twitch, die durch leicht zugängliche Zuschauerzahlen, Follower-Zahlen und Chat-Aktivität gekennzeichnet ist, schafft einen Kontext, der reif für soziale Vergleiche zwischen Streamern und Zuschauern ist.16 Die Verfügbarkeit solcher quantitativer Daten macht die Prozesse des sozialen Vergleichs leicht zugänglich und potenziell sehr einflussreich bei der Gestaltung des Nutzerverhaltens und der Selbstwahrnehmung innerhalb der Plattform.13
Henri Tajfels soziale Identitätstheorie erläutert, wie Individuen durch ihre Mitgliedschaft in sozialen Gruppen, oft als „Eigengruppen“ bezeichnet, ein Gefühl der Zugehörigkeit und Identität entwickeln.19 Diese Theorie erklärt auch, wie Individuen sich von anderen Gruppen, den sogenannten „Fremdgruppen“, unterscheiden. Die Entwicklung der sozialen Identität umfasst Prozesse der sozialen Kategorisierung, bei denen sich Individuen mit bestimmten Gruppen identifizieren und die mit dieser Gruppe verbundenen Normen und Verhaltensweisen übernehmen. Anschließend findet ein sozialer Vergleich statt, bei dem Individuen ihre eigene Gruppe und deren Mitglieder im Verhältnis zu anderen Gruppen bewerten.20 Auf Twitch bilden sich häufig starke soziale Identitäten um gemeinsame Interessen, Loyalität zu bestimmten Streamern und aktive Teilnahme an den einzigartigen Normen und Praktiken der Community eines bestimmten Kanals.21 Die interaktive Natur der Plattform fördert die Entwicklung dieser Online-Communities, die oft durch gemeinsame Sprache, Emotes und eine kollektive Identität gekennzeichnet sind, die sich um den Streamer und dessen Inhalte zentriert.23
Stanley Milgrams Gehorsamsexperiment bietet, obwohl in einem anderen Kontext durchgeführt, Einblicke in die Macht von Autoritätspersonen, individuelles Verhalten zu beeinflussen, selbst wenn diese Anweisungen mit persönlichen ethischen Grundsätzen in Konflikt geraten.25 Auf Twitch nehmen Streamer oft Positionen wahrgenommener Autorität innerhalb ihrer Kanäle ein.27 Sie legen Regeln für ihre Communities fest, moderieren Chat-Interaktionen und kultivieren eine Anhängerschaft engagierter Zuschauer.29 Diese Dynamik kann eine Situation schaffen, in der Zuschauer geneigt sind, der Führung des Streamers zu folgen und sich an die etablierten Community-Normen zu halten, unabhängig davon, ob diese Normen positive Interaktionen fördern oder, in einigen Fällen, ethisch fragwürdige Verhaltensweisen darstellen.27

Kapitel 3: Die Bühne und die Masken: Goffmans Dramaturgischer Ansatz auf Twitch
Auf Twitch kultivieren Streamer aktiv ausgeprägte Online-Personas und nutzen Avatare, Kanalgrafiken und spezifische On-Screen-Verhaltensweisen, um ihre digitalen Identitäten zu formen.32 Diese bewusste Konstruktion einer „Streamer-Persönlichkeit“ kann als eine auf der „digitalen Vorderbühne“ inszenierte Performance verstanden werden, die Goffmans theatralische Metapher widerspiegelt.34 Eine bedeutende Beobachtung aus dem Experiment ist die zunehmende Durchlässigkeit der Grenze zwischen dieser öffentlichen „Vorderbühne“ und der privateren „Hinterbühne“ auf Twitch.36 Diese Verwischung zeigt sich in der Entstehung dessen, was einige Forscher als die „Online-Pseudo-Hinterbühne“ bezeichnen.38 In diesem Raum teilen Streamer oft selektiv Aspekte ihres Privatlebens, einschließlich Gedanken und Erfahrungen, die traditionell privaten Interaktionen vorbehalten wären, als eine Strategie, um stärkere Verbindungen zu ihrem Publikum aufzubauen und ein größeres Engagement zu fördern.39 Diese Entwicklung wirft jedoch wichtige Fragen nach der Authentizität dieser Online-Beziehungen auf und inwieweit solche Offenlegungen echt sind oder Teil einer sorgfältig inszenierten Performance.41 Der ständige Druck, ansprechende Inhalte zu liefern und das Publikumsinteresse aufrechtzuerhalten, kann Streamer dazu bringen, sich gezwungen zu fühlen, immer persönlichere Details zu teilen, wodurch möglicherweise die Grenzen zwischen ihrer Online-Persona und ihrem Offline-Selbst verwischt werden.43 Diese Dynamik birgt das Risiko der Selbstausbeutung, bei der Streamer ihre Online-Performance und die Erstellung von Inhalten über ihr eigenes Wohlbefinden und ihre persönlichen Grenzen stellen, um Zuschauerzahlen und Anerkennung zu erzielen.45 Darüber hinaus kann die Erosion der traditionellen Hinterbühne Streamer erheblichen Datenschutzrisiken aussetzen, einschließlich des Potenzials für Doxing und andere Formen von Datenschutzverletzungen.27

Kapitel 4: Der ständige Vergleich: Festingers Theorie der Sozialen Vergleichsprozesse im Stream
Ein herausragendes Merkmal der Twitch-Plattform ist die leicht zugängliche Anzeige quantitativer Metriken wie Zuschauerzahlen, Follower-Anzahl und Chat-Aktivität.47 Diese Sichtbarkeit schafft eine Umgebung, in der der ständige soziale Vergleich, wie er in Festingers Theorie beschrieben wird, unter Streamern allgegenwärtig ist.49 Streamer vergleichen häufig ihre eigenen Leistungskennzahlen mit denen anderer, insbesondere mit denen innerhalb ähnlicher Inhaltskategorien oder in vergleichbaren Entwicklungsstadien.51 Aufwärtsvergleiche mit erfolgreicheren Streamern können Gefühle der Unzulänglichkeit und Demotivation auslösen und ein Gefühl des ständigen Hinterherhinkens fördern.53 Umgekehrt können Abwärtsvergleiche mit weniger erfolgreichen Streamern zwar kurzfristig das Selbstwertgefühl steigern, aber auch potenziell die Motivation für weiteres Wachstum und Verbesserung behindern.55 Auch Zuschauer sind auf Twitch anfällig für soziale Vergleichsprozesse.57 Indem sie den wahrgenommenen Erfolg und die oft idealisierten Lebensstile beobachten, die von Streamern präsentiert werden, können Zuschauer Aufwärtsvergleiche anstellen, die zu Gefühlen der Unzulänglichkeit oder Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Leben führen.59 Die Betonung quantifizierbarer Metriken auf der Plattform kann zu einem sogenannten „sozialen Sperrklinkeneffekt“ beitragen.61 Dieser Effekt beschreibt eine Dynamik, bei der das ständige Bewusstsein für die Leistung und die Erfolge anderer sowohl Streamer als auch Zuschauer dazu antreibt, ihre Erwartungen und Verhaltensweisen in einem Streben nach Verbesserung oder Bestätigung kontinuierlich zu erhöhen. Die anhaltende Beteiligung am sozialen Vergleich, sowohl für Content-Ersteller als auch für deren Publikum, kann erhebliche psychologische Folgen haben, die das Selbstwertgefühl, die allgemeine Stimmung und das Wohlbefinden beeinträchtigen.62 Die gut sichtbare Natur der Metriken auf Twitch fördert eine Wettbewerbsatmosphäre, in der Streamer sich ihres Standings im Verhältnis zu anderen ständig bewusst sind, was potenziell zu Angstzuständen, Erschöpfung und einer Fokussierung auf externe Bestätigung anstelle von intrinsischer Freude führt.64 Ähnlich können die Vergleiche der Zuschauer mit scheinbar erfolgreichen Streamern zu Gefühlen der Unzulänglichkeit beitragen und möglicherweise ungesunde Beziehungen fördern, da sie eine Verbindung zu denen suchen, die sie bewundern.54
Tabelle 1: Häufige quantitative Metriken auf Twitch
| Metrikname | Beschreibung | Relevanz für sozialen Vergleich |
| Unique Viewers | Die Anzahl der einzelnen Personen, die einen Stream oder ein Video angesehen haben. | Ermöglicht Streamern den Vergleich ihrer Reichweite mit anderen. |
| Average Concurrent Viewership (ACV) | Die durchschnittliche Anzahl der Zuschauer während eines Streams. | Zeigt Streamern, wie viel Aufmerksamkeit ihr Stream im Durchschnitt erhält und ermöglicht den Vergleich mit anderen. |
| Follower Growth | Die Zunahme der Follower über einen bestimmten Zeitraum. | Indikator für die Attraktivität eines Kanals und wird oft mit dem Wachstum anderer verglichen. |
| Chat Activity | Das Volumen und die Frequenz der Nachrichten im Chat. | Kann als Maß für das Engagement der Zuschauer dienen und wird oft mit der Aktivität in anderen Kanälen verglichen. |
| Engaged Viewers | Die Anzahl der Zuschauer, die aktiv mit dem Stream interagieren (z.B. durch Chatten). | Zeigt den Grad der Interaktion und kann mit dem Engagement in anderen Streams verglichen werden. |
| Subscriptions | Die Anzahl der Abonnements für einen Kanal. | Direkter Indikator für finanzielle Unterstützung und Kanalpopularität, oft verglichen mit anderen Streamern. |
| Revenue | Die gesamten Einnahmen eines Streamers (aus Abonnements, Spenden, etc.). | Ermöglicht Streamern den direkten finanziellen Vergleich mit anderen und dient als Maß für Erfolg. |
| Clip Views | Die Anzahl der Aufrufe von aus dem Stream erstellten Clips. | Zeigt virales Potenzial und die Reichweite von Highlights, kann mit der Performance anderer verglichen werden. |
| Raid Viewers | Der Prozentsatz der Zuschauer, die durch einen Raid auf den Kanal gekommen sind. | Indikator für die Unterstützung durch andere Streamer und kann die eigene Sichtbarkeit im Vergleich zu anderen beeinflussen. |

Kapitel 5: Wir gegen die Anderen: Tajfels Soziale Identitätstheorie in der Gaming-Community
Henri Tajfels soziale Identitätstheorie hilft, die Bildung digitaler „Wir“-Gruppen und „Die Anderen“-Gruppen zu erklären, die häufig im Twitch-Ökosystem beobachtet werden.19 Diese Gruppen entstehen oft aufgrund gemeinsamer Affinität zu einem bestimmten Streamer und seiner Community, gemeinsamer Interessen an bestimmten Spielen oder Inhalten, Teilnahme an etablierten Chat-Verhaltensweisen oder der Verwendung gemeinsamer Emotes und Insider-Witze.67 Die grundlegenden Mechanismen der sozialen Kategorisierung und Identitätsbildung sind in diesen Online-Gruppen deutlich erkennbar.21 Individuen identifizieren sich mit ihrer gewählten „Wir“-Gruppe, übernehmen deren Regeln, Normen und charakteristischen Verhaltensweisen und grenzen sich gleichzeitig von anderen Gruppen ab.20 Grenzen werden zwischen verschiedenen „Wir“- und „Die Anderen“-Gruppen etabliert und aufrechterhalten, was oft zu einer Bevorzugung der Eigengruppe und potenziell negativen Wahrnehmungen oder Vorurteilen gegenüber anderen Gruppen führt.69 Die experimentellen Beobachtungen des Nutzers zeigten wahrscheinlich zahlreiche Fälle dieser Ingroup-Voreingenommenheit und der potenziellen Abwertung von Outgroups auf Twitch. Innerhalb der Community eines Streamers sind unterstützendes Verhalten und positive Interaktionen üblich, was ein Gefühl der Kameradschaft und gemeinsamen Identität fördert.23 Gleichzeitig können Rivalitäten oder negative Kommentare gegenüber anderen Streamern oder deren Communities beobachtet werden.70 Streamer-Communities funktionieren häufig als robuste „Wir“-Gruppen, die ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit und gemeinsamen Identität unter den Zuschauern kultivieren, was ein starker Anreiz für Engagement und Loyalität sein kann.24 Die Wettbewerbsnatur von Twitch, oft angetrieben durch Metriken und Popularitätsrankings, kann zur Bildung von „Die Anderen“-Gruppen und potenziellen Konflikten oder negativen Stimmungen zwischen verschiedenen Streamer-Communities beitragen.68 Der Streamer dient oft als zentrale Figur, um die herum die „Wir“-Gruppenidentität aufgebaut ist, wobei sein Verhalten und seine Werte die Regeln und Einstellungen seiner Community maßgeblich beeinflussen.71

Kapitel 6: Gehorsam und Grenzüberschreitung: Milgrams Experiment im Kontext von Twitch
Stanley Milgrams Gehorsamsexperiment demonstrierte eindrücklich das Ausmaß, in dem Individuen bereit sind, Autoritätspersonen zu gehorchen, selbst wenn sie angewiesen werden, Handlungen auszuführen, die mit ihrem persönlichen moralischen Kompass in Konflikt stehen.25 Im Kontext von Twitch kann die wahrgenommene Autorität eines Streamers innerhalb seines Kanals das Verhalten seiner Zuschauer erheblich beeinflussen.27 Streamer bauen diese Autorität auf verschiedene Weise auf, einschließlich der Festlegung expliziter Regeln für das Chatverhalten, der aktiven Moderation von Interaktionen und der Kultivierung einer engagierten und loyalen Anhängerschaft.27 Die experimentellen Beobachtungen des Nutzers lieferten wahrscheinlich Fälle, in denen Zuschauer den (expliziten oder impliziten) Anweisungen oder Normen eines Streamers zu folgen schienen, selbst wenn diese moralisch fragwürdige Verhaltensweisen beinhalteten.30 Dies könnte von der unkritischen Übernahme der kontroversen Meinungen eines Streamers bis hin zur Teilnahme an der Belästigung anderer auf Anstiftung des Streamers reichen, sei es direkt oder indirekt.29 Die unkritische Übernahme problematischer Verhaltensmuster durch Zuschauer oder Moderatoren könnte die in Milgrams Forschung beobachtete Gehorsamsdynamik widerspiegeln.31 Streamer üben aufgrund ihrer Plattform und ihres Publikums eine gewisse Autorität aus, die Zuschauer dazu bringen kann, Verhaltensweisen zu zeigen, die sie sonst vielleicht nicht in Betracht ziehen würden, einschließlich negativer oder schädlicher Handlungen.72 Die Anonymität und die wahrgenommene Distanz, die der Online-Umgebung von Twitch innewohnen, könnten möglicherweise die Schwelle für moralische Grenzüberschreitungen senken, wodurch es Zuschauern erleichtert wird, sich an problematischen Verhaltensweisen zu beteiligen oder diese zu dulden, wenn sie diese als im Einklang mit den Wünschen des Streamers oder den Normen ihrer „Wir“-Gruppe stehend wahrnehmen.73

Kapitel 7: Die Schattenseiten des Streams: Mobbing, Diebstahl und Anfeindungen
Während des dreijährigen Beobachtungszeitraums erlebte der Nutzer wahrscheinlich eine Reihe negativer Verhaltensweisen, die leider im Twitch-Ökosystem vorhanden sind.69 Zu diesen Verhaltensweisen können Mobbing und Belästigung sowohl von Streamern als auch von anderen Zuschauern, Fälle von Ideenklau, feindselige und gehässige Äußerungen, direkte Drohungen, die Verwendung sexueller Anspielungen und rassistische Diskriminierung gehören.27 Solche negativen Erfahrungen können tiefgreifende psychologische Folgen für die Betroffenen und Zeugen haben und möglicherweise zu Gefühlen von Angst, Depression und Stress sowie einem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit oder des Unerwünschtseins auf der Plattform führen.75 Die relativ begrenzten realen Konsequenzen für Online-Verhalten auf Twitch können leider einige Individuen dazu ermutigen, Handlungen zu begehen, die sie in persönlichen Interaktionen wahrscheinlich vermeiden würden.73 Die Häufigkeit dieser negativen Verhaltensweisen unterstreicht die Herausforderungen, die mit der Förderung positiver und inklusiver Online-Communities verbunden sind, und verdeutlicht das Potenzial für Plattformen wie Twitch, sich manchmal zu Umgebungen zu entwickeln, in denen schädliche Interaktionen stattfinden können.77

Kapitel 8: Anonymität als zweischneidiges Schwert und die Selbstausbeutung der digitalen Unterhaltung
Das Element der Anonymität auf Twitch hat sich als komplexes Phänomen mit sowohl positiven als auch negativen Aspekten erwiesen.78 Einerseits kann es ein größeres Gefühl der Freiheit bei der Meinungsäußerung und der Erkundung der eigenen Identität ermöglichen, was besonders wertvoll für Individuen aus marginalisierten Gemeinschaften sein kann, wie z. B. für queere Menschen.80 Anonymität kann einen sicheren Raum für Selbstentdeckung und authentischen Ausdruck bieten, der in Offline-Kontexten möglicherweise nicht so leicht verfügbar ist. Andererseits kann diese gleiche Anonymität auch zur Verbreitung von Hassreden, Belästigungen und einer verminderten Verantwortlichkeit für das eigene Handeln beitragen.81 Das relative Fehlen einer realen Identität kann es Individuen erleichtern, schädliches Verhalten zu zeigen, ohne direkte persönliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Darüber hinaus hat der intensive Druck auf Streamer, ständig aufzutreten, Inhalte zu erstellen und aktiv mit ihrem Publikum zu interagieren, zu einer zunehmenden Verwischung der Grenzen zwischen ihrem privaten und öffentlichen Leben geführt.3 Streamer fühlen sich oft stark verpflichtet, immer persönlichere Aspekte ihres Lebens zu teilen, um ihre Zuschauerzahlen und ihr Engagement aufrechtzuerhalten.39 Diese Dynamik birgt ein erhebliches Risiko der Selbstausbeutung, da Streamer ihre Online-Persona und die Anforderungen der Inhaltserstellung über ihr eigenes Wohlbefinden und die Aufrechterhaltung gesunder Grenzen stellen können.45

Kapitel 9: Die Rolle der Spielhersteller: Zwischen Hype und Ignoranz
Die Beobachtungen des Nutzers deuten darauf hin, dass Spielehersteller oft eine zwiespältige Haltung gegenüber dem Community-Verhalten auf Plattformen wie Twitch einnehmen.84 Während sie neue Spieleveröffentlichungen aktiv bewerben oder technische Probleme wie Cheating angehen, scheint das Verhalten der Community selbst, insbesondere wenn es sich der Grenze des Akzeptablen nähert oder diese überschreitet, von den Herstellern oft weitgehend ignoriert oder sogar stillschweigend akzeptiert zu werden. Nach drei Jahren intensiver Beobachtung und Analyse der Twitch-Plattform fällt das persönliche Fazit des Nutzers eher warnend aus.72 Für Individuen mit einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen und einer starken Fähigkeit, Lebensfreude zu empfinden, birgt die Plattform in ihrer aktuellen Form und ihren kulturellen Normen erhebliche Risiken für die psychische Gesundheit. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die sehr empfindlich auf die Meinungen anderer reagieren oder leicht anfällig für emotionalen Stress sind.

Kapitel 10: Persönliches Resümee: Eine Warnung an sensible Gemüter
Nach drei Jahren intensiver Beobachtung und Analyse der Twitch-Plattform komme ich zu einem persönlichen Fazit, das eher warnend ausfällt. Für Menschen mit einem ausgeprägten Gefühlssinn und Lebensfreude birgt die Plattform in ihrer aktuellen Form und Kultur erhebliche Risiken für die psychische Gesundheit – insbesondere für Personen, die sehr empfindlich auf die Meinung anderer reagieren oder leicht verletzlich sind.

Kapitel 11: Diskussion: Twitch als Spiegelbild gesellschaftlicher Ambivalenz
Die digitale Welt von Twitch erweist sich als ein faszinierendes Forschungsfeld, das die breitere gesellschaftliche Ambivalenz in Bezug auf Selbstdarstellung, soziale Vergleichstendenzen und die Bildung von Online-Gruppen widerspiegelt.85 Das Internet verstärkt diese inhärenten gesellschaftlichen Ambivalenzen in vielerlei Hinsicht. Die zunehmende Erosion der traditionellen Hinterbühne führt zu einer stärkeren Verschmelzung privater und öffentlicher Identitäten, wobei die Selbstausbeutung scheinbar zu einem normalisierten Aspekt der Online-Content-Erstellung wird.86 Die ständige Verfügbarkeit von Metriken, die den Vergleich mit anderen erleichtern, intensiviert diese sozialen Vergleichsprozesse und deren damit verbundene psychologische Auswirkungen.88 Die Verlockung der Online-Validierung, wie z. B. die Anhäufung von „Likes“, kann stark süchtig machen und potenziell dazu führen, dass anfällige Personen übermäßig von externer Bestätigung abhängig werden.16 Die durch die Plattform gewährte Anonymität ist ein zweischneidiges Schwert, das Möglichkeiten für freie Meinungsäußerung und Selbstentdeckung bietet, aber auch die Verbreitung von Negativität und Hass mit begrenzter Rechenschaftspflicht ermöglicht.74 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die digitale Welt von Twitch zwar ein fesselndes Thema für die laufende Forschung bleibt, ihre unkritische Nutzung jedoch mit der Teilnahme an einer psychologisch riskanten Aktivität ohne angemessene Schutzmaßnahmen verglichen werden kann.72

Kapitel 12: Schlussfolgerung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das umfangreiche dreijährige Experiment des Nutzers wertvolle Einblicke in die komplexe Sozialpsychologie der Twitch-Plattform bietet. Durch die Anwendung etablierter soziologischer und psychologischer Theorien hat diese Analyse die vielfältigen Dynamiken beleuchtet, die in dieser digitalen Umgebung wirken. Die sich entwickelnde Landschaft der Online-Social-Plattformen übt weiterhin einen tiefgreifenden Einfluss auf menschliches Verhalten, Identität und soziale Interaktionen aus, was die anhaltende Notwendigkeit von Forschung und kritischer Auseinandersetzung mit diesen zunehmend bedeutenden digitalen Bühnen unterstreicht.

Quellen Nachweise
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- Twitching Towards Success: How Brands Can Use Twitch Analytics – Quintly
- Science: Surfing the 4th Largest Stream of Data – Twitch Blog
- Feeling like quiting because of comparing myself to other streamers. : r/Twitch – Reddit
- Full article: The Influence of the Valence and Evaluation Type of Social Feedback on Game Streamers‘ Emotion, Attention, and Performance – Taylor & Francis Online
- Comparison is the killer of Joy : r/Twitch – Reddit
Zum Schutz aller Teilnehmer dieser Studie wurden sämtliche Gesprächsverläufe, Videos, Fotos und jegliche andere Inhalte im Zusammenhang mit dieser Forschung vollständig von allen Social-Media-Plattformen gelöscht. Dieser Schritt war wesentlich, um die Privatsphäre und Vertraulichkeit aller Beteiligten des dreijährigen Experiments zu gewährleisten.
Ich wünsch Euch eine schöne Zeit [🌴….🏃]
