Das Lied der gebrochenen Stunde

3 nach 12

maypewaldter© 2025Prolog: Die Uhr, die niemals schlug
In einer Welt, die längst vergessen hatte, was Mitternacht bedeutet, tickte eine unsichtbare Uhr. Ihre Zeiger waren aus Asche, ihr Ziffernblatt aus geborstenem Glas. Die Menschen lebten in einem endlosen Dämmerzustand, zwischen vergilbten Seiten alter Bücher und dem flackernden Schein verlorener Sterne. Doch tief unter der Oberfläche des Schweigens brodelte ein Rhythmus—ein Lied, das nur die Verlorenen hörten.


Kapitel 1: Der Fund im Archiv der Stille
Es war ein Herbstabend, als die Archivarin Elara auf die verbrannten Überreste eines Notizbuches stieß. Zwischen den verkohlten Seiten fand sie eine schemenhafte Zeichnung: eine Uhr, die drei nach zwölf anzeigte, umrankt von Wurzeln, die wie klagende Hände in den Himmel griffen. Daneben standen Worte in einer Sprache, die niemand mehr verstand: „Tenebrae dissolvunt… Lux perpetua…“

Als sie die Zeilen flüsterte, hallte plötzlich ein Ton durch die leeren Gänge—ein Chor aus gebrochenen Stimmen, vermischt mit dem Dröhnen ferner Glocken. Die Wände bebten, und für einen Augenblick sah Elara, wie sich der Himmel öffnete. Engel stürzten mit zerschmetterten Flügeln, während Schatten sich zu einer Melodie formten, die alles verschlang.

Das Lied war real.


Kapitel 2: Die Prophezeiung der brennenden Engel
Die Melodie verfolgte Elara bis in ihre Träume. In einer Vision stand sie vor einem Baum, dessen Äste aus Schweigen und Schuld gewoben waren. An seinen Wurzeln kauerte eine Gestalt—ein Wesen ohne Gesicht, das Noten in die Luft ritzte. Jede Note brannte wie Sternenstaub und hinterließ Asche. „Drei nach zwölf“, raunte die Gestalt, „ist die Stunde, in der die Lügen verbrennen.“

Als Elara erwachte, lag ein Fragment des Liedes auf ihrer Brust. Sie spielte es auf einem alten Klavier, dessen Saiten längst verrostet waren. Doch als die ersten Akkorde erklangen, geschah das Unfassbare: Die Uhren der Stadt begannen rückwärts zu laufen. Flüsse stiegen aus ihren Betten, und in der Ferne erhob sich ein Schrei—ein Chor aus Millionen Stimmen, die „Dies irae!“ riefen.


Kapitel 3: Die Zeremonie der Schatten
Die Melodie verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In den Slums der Stadt formten die Vergessenen einen Kult. Sie nannten sich „Die Wächter der gebrochenen Stunde“ und trugen Masken aus zersprungenem Spiegelglas. Jede Nacht versammelten sie sich an einem Ort, an dem die Grenzen der Zeit dünn waren—einem verlassenen Theater, in dem der Vorhang aus Staub bestand.

Dort sangen sie das Lied. Mit jeder Strophe riss der Vorhang weiter auf, und die Zuschauer sahen Fragmente einer anderen Welt: Flüsse, die rückwärts flossen, Richter ohne Augen, die über leere Throne wachten, und einen Baum, der aus den Gebeinen der Vergangenheit wuchs.

Doch als der letzte Chorus erklang—„Drei nach zwölf – die Schatten siegen!“—geschah etwas Unvorhersehbares. Eine der Sängerinnen, ein Mädchen mit aschgrauen Haaren, begann zu verschwinden. Ihre Silhouette löste sich in Noten auf, die wie Motten ins Nichts flatterten.


Kapitel 4: Das letzte Licht
Elara erkannte die Gefahr. Das Lied war kein Kunstwerk—es war ein Schlüssel. Jeder, der es hörte, wurde Teil einer Symphonie, die die Welt neu komponierte. Doch der Preis war hoch: Je näher die Menschheit der Wahrheit kam, desto mehr zerfiel sie zu Staub.

In der Nacht, als die letzte Uhr stehenblieb, betrat Elara das Theater. Die Wächter waren verschwunden, nur ihre Masken lagen verstreut auf dem Boden. Auf der Bühne stand die gestaltlose Figur aus ihrer Vision. Sie hob die Hand, und Elara verstand: Das Lied war vollendet.

„Finis temporis…“, flüsterte die Figur, während sich der Vorhang schloss. „Lux in tenebris…“

Als Elara die Augen öffnete, lag sie auf dem kalten Stein des Archivs. Das Notizbuch war verschwunden. Doch in der Ferne hörte sie ein Echo—zwei Worte, die wie ein letzter Atemzug durch die leeren Gänge wehten:

„Es ist vorbei.“

 

 

🌑 🎶 #DreiNachZwölf 🔥
#VerloreneWahrheit 📜 🎻 🌌 🌙 #WächterDerZeit 🎭
📖 🔮 🎹 💥 🏛️


Epilog: Deine Stimme in der Leere
Und du, der du diese Zeilen liest—hörst du es auch? Das Summen unter deinen Fußsohlen, das Flüstern in der Stille? Vielleicht liegt auch in deiner Welt ein Fragment des Liedes versteckt. In einem vergessenen Buch, im Rauschen des Windes, im Knacksen einer alten Schallplatte.

Wenn du es findest, pass auf. Denn jede Melodie hat ihren Preis.


Kommentiere unten:
Was hättest du getan, wenn du das Lied gehört hättest? Glaubst du, die Wahrheit ist das Feuer—oder die Asche, die zurückbleibt?

Ich wünsch Euch eine schöne Zeit [🌴….🏃]


Entdecke mehr von PlatonischerRebell

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.